„Fabelfakt“ – Pia Fries

Die Ausstellung Fabelfakt im Museum Kunstpalast zeigt in einer erstmals realisierten Einzelschau Arbeiten der in Düsseldorf lebenden Schweizer Künstlerin Pia Fries. In sechs Räumen führt die Kuratorin Gunda Luyken den Besucher durch die phantastischen Welten der Pia Fries, die aus weißem Grund farbige Strukturen skulptural in den Raum ragen lässt. Ein einführender Wandtext beschreibt den Werdegang der 1955 geborenen Künstlerin, welche nach einer Bildhauerausbildung in Luzern, ihr Kunststudium als Meisterschülerin von Gerhard Richter an der Kunstakademie Düsseldorf abschloss und nun selbst zunächst die Professur für Malerei und Grafik an der Akademie der Bildenden Künste Berlin innehatte und heute an der Akademie der Bildenden Künste München lehrt. Das Ausstellungskonzept orientiert sich am White Cube, innerhalb dessen Fries aus ebenso weißem Bildgrund heraus farbige Elemente modelliert. Ihr Werk vereint scheinbar gegensätzliche Techniken, Motive und Stile, indem Fries Fragmente historischer Druckgrafik in ihre Arbeiten mittels Siebdruck einfließen lässt, diese altmeisterlichen Strukturen mit abstrakten Farbstrukturen mischt und sich innerhalb eines Werkes gleichermaßen mit grobem Duktus ausgeführte Farbflächen wie zarte Linien finden lassen.

Kabinettstücke

Der erste Raum zeigt die Werkgruppe parsen und module aus dem Jahr 1999, in welcher Fries in spielerischer Virtuosität Farben und Formen variiert, auseinanderlaufen lässt, nur um sie wieder zusammenzuführen. Dabei wechselt sowohl die Art des Farbauftrags als auch der Umgang mit Farbe. Mal bildet die Farbe transluzide Flächen, die nur schemenhaft aus dem weißen Grund auftauchen, dann wieder opake zähflüssig fixierte Strukturen, die sich aus der Fläche erheben. Feine Linien, wechseln mit grob aufgetragenen Farbflächen, die im nächsten Moment jedoch teils feingliedrig wie Zeichnungen daherkommen. Aufgetragene Farbe, die wieder weggewischt wurde, lässt Werkspuren wie Farbschleier zurück. In ausgeglichener Komposition überlagern sich verschiedene Lasuren und bilden energetisch aufgeladene Werke. Dabei kommen die Farben teils in Reinform, teils in Mischform vor. Auf spielerische Art und Weise bildet Fries in Analogie zum setzkastenartigen Umgang mit Farbe die Titel der Werke, indem sie alle mit der Vorsilbe par-, in Variation mit pars- und part- beginnen lässt. Diese fast ausschließlichen Neologismen reichen von parlaver bis partnulle, wobei sie als sprechende Titel assoziativ und klanglich die Malerei beschreiben. Dabei erinnern die Werke der Reihe teilweise an Rakelbilder von Richter, wenn wie zufällig hingeworfene Strukturen Muster bilden, Farben zum Rand hin ausfransen oder aus weißer Farbe Farbblumen entstehen. In parolle treiben die Farben wie Knospen und Schmetterlinge aus der Fläche, in parseppi treffen gegeneinander treibende Kräfte zusammen und entladen sich bei der Kollision in einer Farbexplosion. Im Format 40 x 50 cm reihen sich die Arbeiten wie Kabinettstücke aneinander und führen den Besucher in die farbige Welt der Pia Fries ein.

Blick in die Ausstellung. Im Hintergrund die Werkgruppe: Fries, Pia: parsen und module, 1999, Ölfarben auf Holz.

Natur als Hort der Inspiration

Der zweite Raum präsentiert die Serie alchemilla (Frauenmantel), welche Fries naturwissenschaftliche Herangehensweise an ein Thema sowie Natur und historische Grafik als Inspirationsquellen veranschaulicht. Insbesondere das 1705 von der Naturforscherin und Künstlerin Maria Sibylla Merian veröffentlichte Werk Metamorphosis insectorum Surinamensium mit den darin enthaltenen Aquarellen der tropischen Insekten- und Pflanzenwelt in Surinam diente Fries als künstlerische Anregung. Innerhalb der Beschäftigung mit der Naturforscherin stieß Fries auch auf deren Buch Erucarum ortus, aus welchem die Künstlerin Blüten und Blätter antizipiert und in ihre Gemälde und Druckgrafiken einbaut, welche wiederum wenige der Farbe nahezu gänzlich entzogene Werke darstellen und zum großen Teil in Schwarz und Weiß auskommen. In Monotypien und Acryl auf Wellblech ragen Pflanzenfragmente stark vergrößert in den Bildgrund hinein, überlappen sich, wechseln zwischen Vorder- und Hintergrund. Sie wirken wie Collagen, die in bewegtem Spiel mit dem Bildträger und dem weißen Grund in Beziehung stehen.

Fries, Pia: alchemilla, Monotypien und Acryl auf Wellpappe.

Farbwelten

Die Ausstellung führt den Betrachter sodann weiter in Fries Reich der Farbe ein, welche die Künstlerin gemäß ihrer Bildhauerausbildung zunächst einmal als plastisches Material begreift. In ihrer Werkreihe beringer türmt Fries farbige Gebilde in die Höhe und formt Strukturen, die durch Öffnungen Tiefe implizieren. Indem sie Fotografien dieser Strukturen anfertigt, die sie vergrößert und mittels Siebdruck auf weiß grundierte Bildträger aufbringt, überführt sie die plastischen Objekte in die Fläche.

Fries, Pia: beringer, 2002, Ölfarbe und Siebdruck auf Holz.

Bild und Träger

Der Fokus des vierten Raumes liegt auf der Verwendung des Bildträgers, welcher eine ebenso große Rolle spielt wie die farbige Gestaltung dessen. Oft greift Fries zu Holztafeln, die einerseits hoch aufgetürmte Farbschichten zu tragen vermögen und andererseits in der ihr eigenen Maserung auf den Formfindungsprozess der Künstlerin einwirken. Farbige Bahnen hinter sich herziehend stehen die plastisch wirkenden Holzblöcke in starkem Kontrast zum sie umgebenden undurchdringlich weißen Grund. Zugleich weisen die Schnittkanten der Hölzer keine Farbe auf, sondern legen die Maserung des hölzernen Bildträgers frei. In maserzug 1 aus dem Jahr 2008 kann der Betrachter vier solcher Kanthölzer erblicken, die in dynamischer Bewegung auf ein – bis auf die weiße Grundierung des Bildträgers – leeres Zentrum zustreben. Diese Dynamik wird zusätzlich durch die sie begleitenden farbigen Bahnen als Visualisierung der inneren Erregung der Blöcke verstärkt.

Fries, Pia: maserzug 1, 2008, Ölfarbe und Siebdruck auf Holz.
Blick in die Ausstellung Fabelfakt.
Blick in die Ausstellung Fabelfakt.

Sturmböe und Meereswogen

Der Eindruck einer intensiven Beschäftigung mit naturwissenschaftlichen Phänomenen und historischer Druckgrafik verdichtet sich im folgenden Raum. In der Werkgruppe fahnenbilder, 2010 entstanden, nähert sich Fries dem Künstler Hendrik Goltzius, indem sie die im Wind gebauschte Fahne aus dessen Kupferstich Der Fahnenschwinger von 1587 mittels Siebdruck übernimmt und diese mit Pinsel sowie Rechen bearbeitet.  In den fahnenbildern wird das Spiel des Windes anhand der druckgrafischen Elemente des Stoffs und der in Aufruhr geratenen Bahnen im unbeständigen und doch steten Auf und Ab, Heben und Senken deutlich. Das Aufgreifen von Themen aus der Natur – hier das Motiv Wind – spiegelt sich auch in der Beschäftigung mit Stefano della Bellas Drei Galeeren im Sturm aus den Jahren 1646/47 wider. Fries setzt dazu in vessel von 2011 gegenständliche Siebdruckfragmente sowie vielschichtige Farblasuren auf den Grund. Die aufgepeitschte, stürmische See, das sich aufbäumende Schiff, welches die farbigen Wogen in die Tiefe zu ziehen suchen, veranschaulichen in einer experimentell anmutenden wechselhaften Mischung aus Naturalismus und Abstraktion Naturgewalten wie Wind und Wasser. Die Leerstelle bildet dabei keinen leeren Raum im eigentlichen Sinne, sondern dient als verstärkendes Moment der inneren Bilddynamik.

Fries, Pia: fahnenbild 6, 2012, Ölfarben und Siebdruck auf Holz.
Fries, Pia: vessel, 2012, Ölfarben und Siebdruck auf Holz.

Stürzende Himmelsstürmer

Der vorletzte Raum zeigt Werke aus verschiedenen Serien von 2015 bis 2018, die sich an einer Kupferstichfolge von Hendrick Goltzius aus dem Jahr 1588 nach Gemälden von Cornelis Cornelisz orientieren. Goltzius Interesse gilt innerhalb dieser Arbeiten vor allem den Körpern von vier Figuren der griechischen Mythologie. Wieder greift Fries in corpus transludi zwei der vier Elemente auf, indem sie mit Ikarus und Phaeton zwei Himmelsstürmer und mit Tantalus und Ixion zwei Gestalten der Unterwelt in ihr thematisches Repertoire aufnimmt. Dabei verwendet sie Steinpapier als Bildträger, welches nachträglich auf Holz montiert wurde. Eine Besonderheit stellt hier jedoch das Aufgreifen der Strukturen von Goltzius in farbigen Siebdruckelementen dar. Im freien Fall greifen Hände ins Leere, Füße versuchen vergeblich Halt zu finden, die Körper fallen mit in der Luft rudernden Extremitäten in dynamischer Bewegung ins Bodenlose. Das panische Recken und Greifen der Körperteile, die farbigen nach unten weisenden Linien verraten, dass die Körper nicht in Schwerelosigkeit verharren, sondern zum Grund hin streben.

Fries, Pia: peraltro, 2018, Ölfarben und Siebdruck auf Holz.
Fries, Pia: corpus transludi, 2015, Ölfarben und Siebdruck auf Holz.

Dynamik der Dinge

Die Schau entlässt den Besucher mit der Werkreihe aussicht und passage von 2018/19, einer Adaption von Hendrik Goltzius Kupferstich Herkules Farnese aus dem Jahr 1592. Fries nimmt dabei in pylon und parapylon Herkules Keule in den Fokus und behandelt diese analog zur Fahne aus ihren fahnenbildern. Besonders auffällig wird hier der Übergang vom Grundgerüst der Linie in Fries Werken hin zur Fläche, indem gedruckte Elemente der Keule mit farbigen bunten Flächen ineinander fließen und Fries das statischste Objekt aus Goltzius Kupferstich in dynamische Bewegtheit versetzt. Zum ersten Mal steigen keine farbigen Strudel aus der scheinbaren Tiefe des weißen Bildträgers, sondern wird der Betrachter mit klar abgegrenzten farbigen Rechtecken konfrontiert. In aufstrebenden Kompositionen vereinen sich Fläche und Tiefe, Abstraktion und Gegenständlichkeit, Grafik und Malerei.

Fries, Pia: parapylon 2, 2019, Ölfarben und Siebdruck auf Holz.
Blick in die Ausstellung Fabelfakt. Im Vordergrund die Werkreihe: Fries, Pia: aussicht und passage 2018/19, Ölfarben und Siebdruck auf Holz.

Spiel der Gegensätze

Pia Fries stellt das Bild als Abbild in Frage und rückt die Farbe als zentrales Thema in den Fokus ihrer Arbeit. Dabei begreift sie die Farbe als formbares Gestaltungsmaterial, welches differenziert vom Bildgrund zunehmend ein Eigenleben entwickelt. Durch Verdichtung der Farbmasse betont sie die räumlichen Qualitäten der Farbe, indem sie diese als aus dem Bildträger wachsende Figuren präsentiert. Farbe wird so in ihrer elementaren Wirkung und Eigenwertigkeit hervorgehoben. Fries gelingt es, in wechselhaftem Spiel gegensätzliche Elemente zu vereinen und in spannungsvoll bewegten Werken zu manifestieren. Der Titel der Ausstellung Fabelfakt umschließt dabei das erzählerische Moment in ihrer Bildsprache mit der technisch naturwissenschaftlichen Herangehensweise und bezeichnet das einzigartige Verhältnis von Form und Inhalt in den Farbwelten der Pia Fries.

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