Das Schwarze Quadrat

Julia Stellmann

Ein Jeder ein König – Stephan Balkenhol

Aus dem innersten Kern des Baumstamms ans Licht geholt, befreien sich lebendige Wesen von der sie umgebenden Rinde, finden aus dunkler Indifferenz zur Form. Menschen, Tiere und seltsame Zwischenwesen kommen so aus dem Innern des Stammes zum Vorschein, entschlüpfen dem sie umhüllenden Kokon. In rasch vollzogener Geste schneiden Hammer, Säge und Meißel ins weiche Holz, modellieren es fast geschmeidig wie Hände feuchten Ton. Solch wohlüberlegte Hiebe schälen kraftvoll neues Leben aus dem hölzernen Fleisch, hinterlassen Spuren der Werktätigkeit auf der geschrundenen Haut. Die abgelegte Hülle noch sichtbar, wachsen die Figuren aus ihrem eigenen Sockel heraus, bleibt das Wurzelwerk des Entstehungsprozesses als sichtbares Indiz der Urform zurück. Exotische Tiere, mythische Kreaturen, zwergenhafte Mischwesen haben die Säle des Lehmbruck Museums in Duisburg eingenommen, haben sich in bunter Maskerade in den Räumen der Wechselausstellung aufgebaut.

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Ausstellungsansicht Stephan Balkenhol. Unten: Stephan Balkenhol: Krokodil, 2020, © VG Bild-Kunst, Bonn 2020. Foto: Julia Stellmann.
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Links: Stephan Balkenhol: Mäusefrau, 2020, © VG Bild-Kunst, Bonn 2020. Rechts: Stephan Balkenhol: Mäusemann, 2020, © VG Bild-Kunst, Bonn 2020. Foto: Julia Stellmann.

Unter ihnen Menschen, deren Gesichter so durchschnittlich sind, so nichts sagend und nichts wollend, dass sich der Besucher in all seinem Hoffen und Sehnen in ihnen zu spiegeln vermag. Anonyme Gesichter, zufällig aus der Menge gegriffen, entbehren sie namen- und eigenschaftslos jeglicher Individualität. Trotz der scheinbar vom Material diktierten Härte sind ihre Gesichtszüge weich, fast verschwommen, als könne sich ihre äußere Form jederzeit noch verändern, sich wandeln ihre Gestalt. Die amorphen Figuren erinnern an Bildmontagen, in denen etliche Gesichter einen Normaltypus formen, die Überlagerung ein Ebenbild des Durchschnitts erschafft. Vom Alltäglichen gegerbte Gesichter, rau und unvollendet, sperren sie sich dem Anspruch von äußerlicher Perfektion. Makel wie Kanten, Späne, Splitter werden vielmehr prominent in den Fokus gerückt. Ihre Blicke jedoch laufen ins Leere, verweigern sich bar jeder Gefühlsregung dem Dialog und stehen trotzdem in Beziehung mit dem sie umgebenden Raum. Ein Wald aus Bäumen, die gleichsam für sich und fürs Ganze stehen, einsam und doch in Gemeinschaft, sind sie selbst traumlos, aber beseelt von unserem Traum.

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Stephan Balkenhol: Hermen, 2020, © VG Bild-Kunst, Bonn 2020. Foto: Julia Stellmann.

Denkt man an Stephan Balkenhol kommen dem mehr oder weniger Kunstinteressierten zunächst dessen Figuren im öffentlichen Raum in den Sinn, die zuweilen fast omnipräsent anmuten. Im Mittelpunkt seines Schaffens steht der Mensch. Erfolgreich zum Markenzeichen etabliert, pflegt der Mann mit weißem Hemd und schwarzer Hose als Inbegriff des Durchschnittsmenschen ein nomadenhaftes Dasein im Werk des Künstlers und markiert den Beginn der Ausstellung. Dieser steht stellvertretend für einen jeden von uns, durch Balkenhol symbolisch auf den Sockel gehoben. Nicht weit entfernt findet sich ein nackter König mit goldener Krone, der Herrscher über ein Luftschloss, niemand besonderes, nur einer wie jeder andere.

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Stephan Balkenhol: „Nackter Mann“, 2015, © VG Bild-Kunst, Bonn 2020. Foto: Julia Stellmann.

Es sind Werke, die nichts wollen, die Erzählungen anreißen, ohne sie zu Ende zu bringen. Immer wieder werden offenbar Meisterwerke der Kunstgeschichte zitiert, werden griechische Mythologien aufgerufen, deren schwere Last sich auf die Schultern der Figuren senkt und die zugleich so wirken als hätten sie nur zufällig dieselbe Pose eingenommen. Neben dem Menschen spielt das Tier eine bedeutsame Rolle im Oeuvre des Künstlers. Das Tier steht bei Balkenhol auf dergleichen Stufe wie der Mensch, macht der Menschheit die Krone der Schöpfung streitig und erweist sich als ihm ebenbürtig. Immer wieder spielt Balkenhol mit der Beziehung zwischen Mensch und Tier, die in all ihrer Ambivalenz zwischen erdrückender Vereinnahmung und ignoranter Teilnahmslosigkeit changiert. Hybride Wesen, die doch nur Menschen im Tierkostüm und Tiere im Menschenkostüm sind, spielen auf humorvoll befremdliche Weise mit unserem Gespür für Normalität.

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Rechts: Stephan Balkenhol: Hundemann, 2019, © VG Bild-Kunst, Bonn 2020. Links: Stephan Balkenhol: Mann im Löwenkostüm, 2019, © VG Bild-Kunst, Bonn 2020. Foto: Julia Stellmann.

Im Grunde ein höchst demokratischer Anspruch, in welchem ein Jeder ganz ohne Pathos in exponierter Stellung präsentiert wird, einem Jeden ein Denkmal errichtet werden kann. Obwohl Balkenhol nach eigener Aussage niemanden auf einen Sockel heben will, so entsteht dieser Eindruck durch die auf Sicht erhöhten Figuren beinah unweigerlich. In Balkenhols Werk ist jeder gleich viel wert, kann jeder ein König sein und ist ein König nur einer von uns. Wir finden uns Gesichtern gegenüber, die niemanden darstellen und doch auf alle verweisen. Sie stehen stellvertretend für die stillen Helden des Alltags, denen niemand ein Denkmal errichtet und die doch so wichtig für eine funktionierende Gesellschaft sind. Balkenhol sieht das Besondere im Alltäglichen, die Schönheit im Durchschnittlichen. Im Fokus seines Schaffens stets der Mensch, letztlich der Besucher der Ausstellung selbst, dessen Gesicht sich im Antlitz der hölzernen Figuren spiegelt, die zu Projektionsflächen für das eigene Ich werden.

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Stephan Balkenhol: Januar 2020, 2019, © VG Bild-Kunst, Bonn 2020. Foto: Julia Stellmann.

Vorhang auf für die Einzelausstellung im Lehmbruck Museum, die in enger Zusammenarbeit mit dem Künstler entstanden ist und 200, zum Teil noch nie der Öffentlichkeit präsentierte Werke zeigt. Die Ausstellung um den 1957 geborenen Künstler stellt den bisherigen Höhepunkt im Programm der Direktorin Dr. Söke Dinkla dar. An der Hochschule für bildende Künste in Hamburg unter anderem bei Ulrich Rückriem studiert, entschied sich Balkenhol gegen den damaligen Zeitgeist für das scheinbar auserzählte Narrativ der figurativen Skulptur und traf mit seinen Bildnissen des normalen Menschen, des Betrachters selbst, zwar nicht formal, aber inhaltlich genau den Nerv der Zeit. Die Schau präsentiert einen ganzheitlichen Überblick über das umfangreiche Oeuvre dieses Künstlers, dessen Werke oftmals ein Balanceakt zwischen feinsinniger Porträtstudie eines zutiefst demokratischen Menschenbildes und platter Banalität sind. Mal schlägt sein Werk in die eine Richtung aus, mal droht es in die andere zu kippen. Vielleicht ist dies aber auch nur die Suche nach einer Tiefe, der sich die Kunstwerke Stephan Balkenhols in ihrer fast aufdringlichen Inhaltsleere nicht nur entziehen, sondern geradezu verweigern.

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Ausstellungsansicht Stephan Balkenhol, © VG Bild-Kunst, Bonn 2020. Foto: Julia Stellmann.

„Stephan Balkenhol“: bis 28. Februar 2021 im Lehmbruck Museum, Friedrich-Wilhelm-Straße 40, Duisburg. Geöffnet Di.–Fr. 12-17 Uhr, Sa. + So. 11-17 Uhr. Eintritt: 9 Euro, ermäßigt 5 Euro.

Titelbild: Stephan Balkenhol: Mumienportrait – Relief, 2009, © VG Bild-Kunst, Bonn 2020. Foto: Julia Stellmann.

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2 Kommentare

  1. Dr. Bernhard Haltner 1. Januar 2021

    Vielen Dank für diesen tollen aufschlussreichen Beitrag!
    Gerne mehr davon!

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